Sternzähler

Es war einmal ein kleiner Junge namens Barnabás, der in einem kleinen Haus mit seiner Mutter und seinem Großvater lebte. Barnabás liebte die beiden von ganzem Herzen. Der alte Mann, dessen Haar silbern glänzte und dessen Augen einen verträumten Glanz hatten, war ein Meister im Umgang mit Werkzeugen und Maschinen. Er konnte alles reparieren, aber seine größte Leidenschaft war es, Modellflugzeuge zu bauen und fliegen zu lassen. Wann immer sie konnten, spielten sie tagsüber gemeinsam mit den eleganten Modellen, die den blauen Himmel durchzogen, und abends beobachteten sie den Sternenhimmel. Sie träumten von Raumfahrten und davon, dass eines Tages ein echtes UFO in ihrem Garten landen könnte. Sie überlegten, wie sie es gebührend im Namen der Erde begrüßen und was sie von den fernen Sternen und seltsamen Planeten, die es schon besucht hatte, erfahren könnten.

Der Garten war ein kleines Paradies: voller Obstbäume, Weinreben, Blumen und Vogelgezwitscher. Doch es gab einen besonderen Ort im Garten: die kleine Bank unter dem Apfelbaum. Hier zog sich Barnabás’ Großvater zurück, wenn er nachdachte, und hier entstanden die schönsten Träume, die Barnabás genauso lebhaft vor Augen hatte wie der alte Mann.

Doch die Zeit, wie der Wind, vergeht und verändert alles. Eines Herbsttages bemerkte Barnabás, dass sein Großvater weniger an den Modellflugzeugen arbeitete. Seine Hände zitterten, sein Gesicht wirkte müder, doch der Glanz in seinen Augen blieb derselbe. Der alte Mann klagte nie, aber Barnabás spürte, dass sich etwas verändert hatte.

„Weißt du, mein Junge,“ sagte der Großvater eines Tages, während er langsam den Flügel eines Flugzeugs reparierte, „mein Körper wird wie die rote Rose im Garten im Herbst. Es kommt die Zeit, in der die Blüten fallen, die Blätter vertrocknen und nur die leblosen Äste zurückbleiben. Aber vergiss nie, dass die Wurzeln in der Erde bleiben und auf den Frühling warten.“

Barnabás verstand nicht ganz, was sein Großvater damit meinte, aber ein mulmiges Gefühl überkam ihn. Liebevoll nahm er die runzligen Hände des alten Mannes und fragte: „Wir warten gemeinsam auf den Frühling, oder?“

Doch der Frühling kam nie für den Großvater. An einem kalten Dezembermorgen schlief er ein und wachte nie wieder auf. Barnabás’ Herz war schwer, als er ein letztes Mal den leblosen Körper seines Großvaters auf dem Bett ruhen sah. Immer wieder ging er in den Garten, um auf der Bank unter dem Apfelbaum zu sitzen und in den Himmel zu schauen. Das Zimmer des Großvaters, in dem die Modellflugzeuge standen, wurde wie ein königlicher Thronsaal: Ein großer Sessel dominierte den Raum, der voller Erinnerungen und Geschichten aus vergangenen Zeiten war. Barnabás vermisste die Stimme, das Lachen und die Träume seines Großvaters. Eines Tages, als Barnabás auf der Lieblingsbank des Großvaters saß, hatte er ein seltsames Gefühl. Es war, als flüsterte der Garten ihm etwas zu:

„Lieber Barnabás, das Geheimnis liegt immer dort, wo du es am wenigsten erwartest.“

Barnabás hob den Kopf. Die Sterne funkelten ihm lächelnd zu, der Wind streichelte sanft sein Gesicht, und die Zweige der Bäume wiegten sich leicht, als wäre das gesamte Universum dieses seltsame Wesen, auf das sie immer gewartet hatten, und wollte ihm in einer fremden Sprache eine geheime Botschaft übermitteln.

Getrieben von einem plötzlichen Impuls begann er, an den Wurzeln der roten Rose zu graben. Nur zehn Zentimeter unter der Oberfläche fand er eine kleine geschnitzte Schachtel mit einer Botschaft darin:

„Unsere Träume verschwinden nie, sie verändern sich nur.
Mit Liebe: Dein Großvater.“

Von diesem Tag an wusste Barnabás, dass das Licht der Sterne nicht nur ein kaltes, fernes Funkeln war, sondern dass da draußen etwas Großes war, das ihn verstand, liebte und mit seinen unsichtbaren, schützenden Augen jede seiner kleinen Schritte beobachtete.

Viele Jahre später wurde Barnabás ein echter Astronaut. Sein Raumschiff erhob sich mit einem lauten Donnern über die Wolken. Nach dem Abschalten der Triebwerke breitete sich eine plötzliche Stille in der kleinen Kabine voller Instrumente aus, die hunderte Kilometer von der lebensspendenden Erde entfernt schwerelos im kalten, leeren und feindlichen Raum schwebte.

Doch er hatte keine Angst, denn er spürte, dass jemand unsichtbar neben ihm saß, und zusammen zählten sie die Sterne.

Zur Erinnerung an Großvater Gyula Rohrsetzer: † (2023.12.01)